Schriftsteller
VON SHKODRA

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  • Brikena Smajli - Lyrik und Erzählungen

    Brikena Smajli Brikena Smajli wurde am 1.1.1970 in Shkodra geboren. Philologisches Studium an den Universitäten Shkodra und Tirana. Diplomarbeit über die Lyrik T.S. Eliots. Sie schreibt Lyrik und Erzählungen und übersetzt aus dem Englischen, Spanischen und Französischen. Sie arbeitet an einem Buch über die Lyrik T.S. Eliots. Brikena Smajli lebt als Lehrerin in Shkodra. Die hier vorgestellten Gedichte entstammen ihrem ersten, 1997 erschienenen Buch "Të fundit vdesin ulkonjat" ("Die Wölfinnen sterben zuletzt"), die lyrische Prosa entstammt ihrem zweiten, 2006 erschienen Buch Përditë ndërtoj shtëpi me ashkla ("Täglich baue ich Häuser aus Spänen"). Die Texte dieses Buches hatte die Autorin im Manuskript ursprünglich in Versform geschrieben.


    Dämmerung

    In meiner Dämmerung
    Weint der Mond ohne Hände
    Und taucht vor Scheu in seine Selbste.
    Er weint und stürzt in Palmenarme
    Sternschritte gehen davon.

    * * *

    (Lied ohne Ende)

    Der Wolf mit zwei Gesichtern
    Engel und Mensch
    Kratzte am Dachgebälk
    Mit dem Tang von Eisbergen
    Und...
    emptyemptyFand als Fossil
    Die Liebe, ermordet
    Wegen eines unbedachten Wortes.


    Der Vogel

    Er briet im lodernden Wald
    Die Brust qualmte, Luft bekam er nicht.
    Die kleinen Augen, zwei traurige Lichter,
    Schrien lautlos, voller Angst, denn sie brannten.

    Lange Zeit mühte sich der Phönix
    In Tränen, vom Feuer seiner selbst gekaut
    Zum Schluß stürzte er, stürzte in den geliebten See
    In dem Lilien sprossen...


    Schmerz

    Ich habe die Tauben getötet.
    Ungewollt.
    Auf der Erde blieben weiße Federn zurück
    Und Gurren in der Luft...

    ...der Tod stürzt auf die Sonne.
    Unten dröhnt der erzürnte Himmel.

    Auf der Straße sind rissige Sterne
    Die Welt ist eine Festung aus Fingern.


    Das Haus

    In jedem Auge schläft eine Abwesenheit
    Die meinen Schmerz verachtet.
    Meine Treppe führt mich dort hinunter
    Wo ich nicht sein kann.
    Ich schlafe in Algen ein.
    Wenn ich erwache
    Stechen mich schmerzhafte Dornen.
    Die Abwesenheit läßt das Kissen im Zimmer leer.
    Ich habe so viele Straßen
    Um zum Tod zu gelangen
    Und mich zu verschönen.
    Ich bin ein Vogel ohne Nest
    Laß mich keine Schuld begehen!


    Tränen

    Der Fluch der Flüsse
    Traf mich.
    Es ist kalt auf der Straße.
    Meine Beine werden naß im Wasser.
    Wenn aber die Seelen weinen
    Zittern ihre Schatten in Wasserlachen
    Und dehnen sich;
    In Höhlen fahren
    Mythische Tiere in Booten.
    Die Kerzenflamme flackert in der Einsamkeit
    Und küßt
    Die Stalagmiten der Seele...


    Stummer Mond

    Der Mond versank im Laub.
    Zarte Ähren stechen ihn
    Und schreien.
    Dann kreuzigen ihn die Fenster.
    Die Ähren wollen ihn umbringen.

    Der Mond hat keinen Mund
    Zum Brüllen.
    Nur die traurige Grille in der Einsamkeit.
    Er läßt Seelenstrahlen aufs Schilf scheinen
    Und färbt die Träume mit Grün.


    Sehnsucht

    Das Meer hat meine Wellen fortgespült
    Und mir die schweren Wellen der Luft gelassen
    Die Wellen der Stimmen die mich rufen.

    Die Seen haben die Spiegel geschmolzen
    Und mir die Spiegel der Augen gelassen
    Die Spiegel der Augen die mir fehlen.

    Die Flüsse haben das Wasser verdunsten lassen
    Viele Jahre weit, viele Jahre weit.
    Am Drin* berühre ich
    Felsplatten der Sehnsucht...

    *großer albanischer Fluß



    PROSAGEDICHTE

    1.

    Ein Smaragdstein löste sich aus seinem Smaragdgestein. Er konnte sich nicht mehr wundern. Fast wäre er daran zersprungen. Er fiel in den Schlamm. Gewiß hat niemand ihn bekommen, doch alle wissen von seinem Verlust... und daß er irgendwo liegt, hier, da, dort. Also drängen sich alle Leute.


    2.

    Leer die Straße von hier dorthin, wo sie auf mich warten. Üppig wuchernde Pflanzenwelt sagt "ja" zum Lebewohl. Sie mag nicht als Königin in einem thronlosen Reich herrschen. Nur barfuß in einem Gestirn gefriert sie zu Eis. Düstere Dämmerung brennt im Regen. Sie weiß, daß es keine Mächte gibt, die man sich mit Krieg erkämpft, und in dieser Gewißheit sterben Pflanzen, Gestirne...


    3.

    Etwas Regen für den Mond, noch einmal wird er sich waschen. Mit einem altmodischen Rock kommt er zu einer Abendgesellschaft, zu der Ikonen eingeladen sind. Halbdunkel und Dämmerung vermengen sich miteinander und spielen mit den erstarrten Wintervögeln. Der Himmel mag die Hyänen, die ihn unten auf der Erde anheulen, über längst getöteten Tieren, geronnenem Blut und allem Vergessenen oder Weggeworfenem. Ihr Lachen erträgt er nicht, es hängt ihnen in den Mundwinkeln, damit sie sich über nichts wundern. Ich habe Angst, mich in den alten Pyramiden zu verlaufen: ich möchte mich nicht verirren im Paradies.


    4.

    Ich gehe, um noch etwas da zu sein. In diesem eiserstarrten Wolfsrudel suche ich ein entschwundenes Wunder, um mit den Menschen sprechen zu können. Mit dem, was da ist, decken wir den vor langer Zeit entzweigebrochenen Tisch. Die Gottheiten vertagen unsere Treffen, die wir an dem Tag hatten, als die Zikaden in den Krieg zogen. Es fehlen die Mutigen, um Aug in Auge die Wahrheit zu sagen. Die Unmöglichkeit des Erreichens nagelt uns an der Schwelle des Aufbruchs fest. Mit den Knien zeigt sie uns den in Zentimetern abgemessenen Weg. Dort, wohin zu gehen uns nicht erlaubt ist, obwohl oder vielleicht gerade, weil wir es wollen und sollen, machen uns die Menschenwesen das Gehen so unmöglich. Ich schiebe Säcke der Geduld mit einer treubleibenden Gier nach Muscheln.


    5.

    Dort drüben sind Schildkröten gekommen und lassen uns sie nicht antreiben, sie gehen gemächlich, sie wägen ihre Beine und unsere Geduld ab. Das Warten brät unsere Seelen und krümmt unsere Finger. Sie geht weiter dank ihrer Langlebigkeit und unserer Kurzlebigkeit.


    6.

    Die scheibengleiche Sonne wurde heute denen geschenkt, die sich nicht bemühten. Keine Amöbe entdeckte unser wasserbespritztes Wesen. Meine Eroberung war so leicht zu beweisen. Eine Wölfe verknüpft die Quellen und fröstelt. Ich gehe fort: dorthin, wo die Spatzen nisten, zu Mond und Sonne, weit fort von den Schatten, die sich vom Pfad der Schlange davonstahlen. Es kommen auch die alten Feen wegen ein wenig Wasser im Licht des Mondes. Mich quält das Wort, das ich an einem grauen Fluss gab, der verrückt war vor Bären und vielköpfigen Schlangen.

    -- Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

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