Schriftsteller
VON SHKODRA

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  • Martin Camaj - Synthese von Gegensätzen

    1.
    Martin Camaj Gegensätzliches und Widersprüchliches durchzieht wie ein roter Faden das Leben und Schaffen Martin Camajs. Das beginnt bereits bei seinem Geburtsjahr, das überall mit 1925 angegeben ist. "Das ist ein Fehler in meinen Papieren. Ich bin 1927 geboren", sagte Camaj.
    Schon früh mußte er weitaus gravierendere Gegensätze verkraften. Er wuchs in einer ablegenen Bergregion Nordalbaniens auf, deren Leben durch archaische Formen bestimmt war. Die geistige Kost in dieser Bergwelt war geprägt von ihrer Schriftlosigkeit. Was gesungen und erzählt wurde, stammte aus mündlichen Überlieferungen. Diese oralen Traditionen waren gekennzeichnet durch Verzicht auf gedächtnisbelastenden Ballast, formelhaft zusammenraffende Wiedergabe sich wiederholender Inhalte und durch bildhafte Darstellung, man dachte und sprach in Bildern.
    Um ein wenig die Welt zu veranschaulichen, in der Martin Camaj seine Kindheit verbrachte, sei hier eine Begebenheit berichtet, die er selbst erzählt hat: Die Dorfbewohner glaubten, die Seelen der Verstorbenen als Schatten durch die Luft fliegen zu sehen. - Das Wort 'Schatten' wird uns in Camajs Gedichten des öfteren begegnen. - Der Ortsgeistliche, ein Pater Pepa, hatte im fernen Graz Theologie studiert. Er hatte bereits viele lange Jahre hindurch seinen Dienst unter den Bergbewohnern versehen, als ihn der kleine Camaj fragte, was er denn von der Sache mit den Schatten halte. Der Theologe antwortete: "Inzwischen sehe ich sie schon selber."
    Aus dieser Welt kam Martin Camaj in eine für ihn ganz andere und zunächst fremde Welt am italienischen Jesuiten-Gymnasium in Shkodra. Aus der Welt der Bilder kam er in die Welt der Bildung, aus dem kleinen Dorf Temal in das urbane Ambiente von Shkodra, vom Berg in die Ebene. Dazwischen lagen für ihn Welten: Das Leben oben stand im Zeichen der Hirtenkultur, das Leben unten im Zeichen des Handwerks und des Ackerbaus. Martin Camaj charakterisierte später im Gespräch die beiden Bereiche damit, daß man sich in der rauhen Bergwelt in Wolle kleidete, unten im Tal in Leinengewänder. Auf den sensiblen Camaj hat das unterschiedliche Empfinden dessen, was man auf der Haut trug, lebenslang einen nachhaltigen Eindruck gemacht. Aus den beiden Sphären, in denen Martin Camaj seine Kindheit und Jugend verbrachte, hat er sich einerseits die Verträumtheit des Hirtenbuben und dessen Fähigkeit bewahrt, hinter der äußeren Erscheinung der Dinge in der kargen Bergwelt eine tiefere und weitere Dimension zu sehen. In gleichem Maß hat er sich - neben gründlicher Bildung, Disziplin und analytischem Denken - die Klarheit im Geistigen bewahrt, die ihm durch jesuitische Spiritualität vermittelt worden war. Beides, träumerische Hellsichtigkeit und geistige Klarheit, läßt sich subsummieren unter dem Begriff der In-spiration und bildet einen Nährboden für den künftigen Dichter Camaj. Dieser Nährboden wurde, um im Bild zu bleiben, gedüngt einerseits mit den Inhalten und Formen des Schatzes mündlicher Überlieferungen, die der kleine Camaj in sich aufgesogen hatte, und andererseits mit der umfassenden literarischen Bildung, die er sich bei den Jesuiten in Shkodra angeeignet hatte und sich auf weiteren Stationen seines Lebensweges noch aneignen sollte.

    Martin Camaj floh Ende der vierziger Jahre vor dem neuen Regime. In Jugoslawiens Hauptstadt Belgrad studierte er romanische, slawische und albanische Sprach- und Literaturwissenschaft - wiederum in einer fremden Welt, noch dazu in einer fremden Sprache. Nach dem Studienabschluß ging er 1956 mit Hilfe seiner ehemaligen italienischen Lehrer nach Italien. In der Metropole Rom absolvierte er ein weiteres Philologiestudium. Hier hatte er zahlreiche Kontakte zu anderen exilierten Autoren und lernte durch sie und als Chefredakteur einer Literaturzeitschrift den Literaturbetrieb von innen und vor allem die europäischen Gegenwartsliteraturen und die Literatur der europäischen Moderne kennen; besonders beeindruckt war er von T. S. Eliot, Juan Ramón Jiménez und Salvatore Quasimodo.
    Camaj distanzierte sich von der Bukolik seiner beiden in Jugoslawien erschienenen Erstlingswerke und vollzog in den beiden in Rom publizierten Bänden den Übergang zum freien Vers. Seine wissenschaftliche Laufbahn fand ihre Endstation in der Professur für Albanologie an der Universität in München, wo er seit 1961 Albanisch unterrichtete. Je mehr hier sein literarisches Hauptwerk heranwuchs - in erster Linie fünf Bände Lyrik und drei Bände Prosa - umso wortkarger wurden seine Gedichte.

    2.
    Die Publikationsgeschichte Camajs in Deutschland ist ein Trauerspiel, das wir hier lieber übergehen wollen. Nur soviel sei angedeutet: Wann und wo immer hierzulande das Stichwort "albanische Literatur" fällt, fällt unweigerlich ein Name: Ismail Kadare - und dann verließen sie ihn...
    Martin Camaj ist in Albanien noch ein bekannter Unbekannter. In der Zeit der Diktatur war er de facto verboten.
    Camajs Literatur war unpolitisch und war gerade dadurch ein Politikum. Der albanische Diktator Enver Hoxha und seine Schranzen hatten die Literatur ideologisiert als "eine mächtige Waffe in den Händen der Partei zur Erziehung der werktätigen Massen im Geist des Sozialismus und Kommunismus." Die Politisierung der Literatur ging so weit, daß man ihr eine "marxistisch-leninistische Ästhetik" überstülpte, in der es nur "Typisches" gab und nach der das Kollektive alles und das Individuelle nichts galt. Martin Camaj mußte den Herrschenden in Albanien nicht nur dadurch ein Dorn im Auge sein, daß er subjektive Gefühle und individuelle Gedanken artikulierte, sondern auch dadurch, daß man ihn nicht einmal als Vorzeigefeind benutzen konnte. Er schrieb keine antikommunistischen Ergüsse wie viele andere in der Emigration. Camaj sagte von sich: "Ich bin kein Mensch der Politik. Ich bin ein politischer Mensch." So einen schweigt man lieber tot.
    Der Name Martin Camaj wurde in Albanien erst nach dem offiziellen Ende der Periode des "Sozialistischen Realismus" allgemein bekannt. Man nahm verwundert zur Kenntnis, daß es fern des Mutterlandes einen bis dato unbekannten Albaner gab, der hochkarätige Literatur schrieb und ein überaus würdiger Träger albanischer Kultur war. Der Name Camaj hatte, zumindest in Nordalbanien, bald Kultstatus. Man trug ihn wie eine Ikone vor sich her, ohne jedoch sein Werk wirklich zu kennen.
    Nach der fünfzigjährigen Zäsur des literaturfeindlichen "Sozialistischen Realismus" war Camajs Werk für die albanischen Leser in seinem hohen Grad an Verdichtung und Abstraktion schwer zugänglich. Zu der anspruchsvollen Textur von Camajs Werken, die immer auch Kompositionen von Bildern und Klängen sind, kommen Schwierigkeiten, Camajs Sprache zu ergründen, ein moderat nordalbanisches Idiom, das seit den siebziger Jahren in Albanien aus der Literatur und dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt worden war.
    Das Ungewöhnlichste für den albanischen Leser waren wohl zwei Phänomene. Martin Camaj - als Privatperson ein origineller Verächter spießbürgerlicher Konventionen - verabscheute große Worte. So fehlen in seinen Werken drei Elemente, die in Enver Hoxhas Reich und dessen Literatur durchaus kultiviert wurden: Pathetik, vaterländisches Gesülze und die Glorifizierung albanischen Heldentums. Camaj hätte hier sicher dem Wort einer mutigen albanischen Autorin von heute zugestimmt, Elvira Dones: "Albanien braucht keine Schriftsteller, die ihm sagen, wie großartig es ist."
    Das zweite ungewohnte Phänomen war, daß ein bedeutender albanischer Autor die albano-zentrische Sichtweise hinter sich ließ. Camajs Literatur behandelte nicht die "Tragödie der Geschichte des albanischen Volkes", wie es als Hauptgegenstand albanischer Literatur zu postulieren Ismail Kadare nicht müde wird. Statt um kollektive albanische Belange zu kreisen, hatte Camajs Literatur persönliches Erleben und universale Themen zum Gegenstand. Hier treffen die Worte eines anderen albanischen Nichtkonformisten zu, Kasëm Trebeshina: "Ich denke, daß Literatur eine Reise zum Unbekannten ist, um die Innenwelt des Menschen zu entdecken."

    In der albanischen Literatur war Camaj nicht nur thematisch sondern auch stilistisch ein auf Traditionen aufbauender, Konventionen verwerfender Neuerer. Aus der Schule des Shkodranischen Literaturkreises stammend hat er oberflächlich Archaisierendes und Idyllisierendes rasch überwunden und hat, mit antiker griechischer und lateinischer Literatur, mit Dante ebenso wie mit Montale, Milosz und Alberti vertraut, moderne Lyrik geschrieben. Er hat im Leben wie in der Kunst, was er übrigens nicht voneinander trennte, stets eine Synthese zwischen gegensätzlichen Polen angestrebt: zwischen Archaik und Moderne, zwischen Berg und Tal, Form und Inhalt, zwischen Kunst und Wissenschaft, Lyrik und Prosa, Heimat und Fremde, Nähe und Distanz, Einsamkeit und Gemeinschaft, zwischen männlich und weiblich, zwischen Nord und Süd, warm und kalt, Licht und Dunkel usw. In der Literatur hat er dabei erreicht, wofür er sein Leben lang gekämpft hat: Harmonie.

    Hans-Joachim Lanksch



    MARTIN CAMAJ

    DEM TOTEN DICHTER

    Du warst kurzatmig
    denn der Stein am Berg spürte nicht
    das Gewicht deiner Verse.

    Deinen Namen vergaßen die Mädchen
    und der Schatten deiner Verse
    trübt nur die Augen reifer Frauen
    die träumen von vergangener Jugend.

    Deine Freunde, die Dichter, sagen
    beschäftigt hättest du dich nur
    mit der Farbe der Dinge.
    So lebst du auch fort.


    DICHTUNG

    Ein abstraktes Wort, klingend
    es wandert über Wünsche in Gesichtern
    und Gefühle die untergingen
    in Wassern aus Farben.

    In reinem Glas erblaßt es
    und der Schmetterling
    beginnt den Flug kurvenreich
    wie eh und je
    durch Schatten aus Licht.

    Gold ist
    nur im Bauch eines Egels
    der einst Blut trank.


    MEIN VERS

    Mein Vers war keine Tragödie
    am Anfang nicht am Ende nicht.

    Er war ein wollener Faden
    gesponnen unter den Kuppen
    von Frauenfingern

    und riß ab bei der Verwundung
    des Herzens,
    eine hauchfeine Verwundung.

    Ein Stengel mit einer Blüte obenauf
    ohne Frucht
    das wäre
    eine Schlange.


    SCHENKT MIR ETWAS

    Schenkt mir was mir behagt
    wie der erste Kuß meiner Mutter auf die Stirn;
    bereitet mir Freude
    wie junges Laub in der Brise sich freut,
    schaut mich an wie der Mond durch die Zweige
    und alles schenk ich euch dann:
    Gevatterin Tod werde ich küssen auf eisstarre Lippen
    und in die Höhlen ihres Augs
    Tränen dann gießen.
    Tritt näher, Mensch!
    Aus dem Mark des Hasses möcht ich heraus
    wie die Pflanze aus der Saat im Frühling.


    ZWEI SACHEN SAGTEN MIR DIE ELTERN

    Zwei Sachen sagten mir die Eltern solang sie lebten:
    Trittst du aus Versehen auf Brot,
    Heb's auf vom Boden, küß es und leg's auf die Stirn!
    Gehorch', Junge, denn wir sind alt.
    Wenn du an der Feuerstelle sitzt und rauchst
    Spuck' nicht ins Feuer,
    Spuck' nicht ins Licht, denn das ist schlecht!

    Vieles vergaß ich was die Eltern mir sagten
    Andres lernt ich viel und wurde vielleicht ein Schecke;
    Doch meinen Söhnen werd ich sagen wenn sie wachsen:
    Tretet nicht auf Brot,
    Spuckt nicht ins Feuer,
    Spuckt nicht ins Licht.


    ZWEITE ELEGIE

    Auf flachem Hügel in weißer Felswelt
    der Leithammel kaut und kaut, allein
    mutterseelenallein.

    Zwei Augen - winzige Spiegel am offnen Feuer -
    gebrochen vor winterstarrem Frost
    und mein Gesicht werd ich nie mehr sehn.

    Mond bricht sich durch Wolken die Bahn allein.
    Hinter Wolken der Schatten und hinter erloschnen Sonnen
    zieht allein mein Schmerz mit ihm einher.


    DIE OLEANDER

    Tausend Oleander weiß und rot
    grüßen das Weiß des Lichtes
    und die Weitherzigkeit des stillen Meers.
    Der Flug der Schwalben ruft mich
    und ich breche auf.

    Ein Oleander breitet die rechte Seite aus
    als Kopfkissen für die Wangen.
    Ich habe Stahl und Feuerstein bei mir
    und zwei Kienspane bereit für das Dunkel der Nacht.

    Ich breche auf.
    Der Flügel der Schwalbe im Vorüberfliegen
    kaum berührend küßt die Oleander mit Lippen
    die den Geschmack von Schatten in der Hitze haben.

    Der Sinn des Endes verfolgt mich.


    UNTERFÜHRUNG

    Er kam ungerufen
    wer weiß woher.

    Nachts umfaßte ihn der Tunnel
    mit vier Wandarmen
    zu beiden Seiten, einer unten
    und einer oben,

    vierfach beleuchtet
    hell entflammt

    Zwei Füße und ein Schritt
    ohne Schatten neben sich
    begleiten ihn unter Tage
    durch den Fels,
    von Stadt zu Stadt.


    ERINNERUNG

    Vor dem Sturz der Engel
    in Finsternis
    schlief ich mit dir
    unter der Decke des Wassers im Meer.

    Die Erinnerung an dich ist geblieben,
    ein trockenes Blatt am Zweig.
    Es reicht ein Bienenflug
    darüber hinweg
    und es fällt zu Boden
    zwischen tausend andere Blätter Laub.


    L U L E

    I

    Heute abend sagte man mir daß ein Mensch starb
    darum bin ich traurig, Lule.

    Die Liebe ist die einzige steinerne Stütze
    wenn jenseits des Zaunes
    die Pfeile des Eises fliegen.

    Zwei Herzen leiten die Blitze mehr
    als zwei Schwerter Rücken an Rücken
    die Schneiden nach außen.
    Der Gedanke an das Ende, Lule
    flieht, wenn du da bist, wie ein wilder Vogel
    dorthin, woher das Dunkel kommt.

    II

    Das Schwarz deiner Augen möchte ich nicht
    auf schmalen Stegen treffen.
    Die Flamme des Auges will ich auf dem Feld
    und dein Apfelherz
    auf einem Ast ausgelegt, in der Höhe
    eines Armes über der Erde.
    Sei stumm in der Dämmerung,
    der freundlichen, auf dem Feld
    und vor weitherzigem Wind
    der jede Grasspitze umarmt.
    Lule, zieh das bleiche Gewebe vom Mond
    und breite es aus auf der Erde.

    III

    Deine Augen - Samtblumen - kennen keinen
    Frieden. Bring nicht den Wind des Nordens mit
    sondern Feuer, daß wir zusammen es erhalten
    in dieser langen Nacht.
    Lule, die Liebe
    weilt hier solange der Mond
    im Angesicht unsrer Feuer steht
    und bis das Licht des Morgenrots
    die letzte Glut verzehrt!

    IV

    Du bist in meinem Herzen
    und ich kann mit keinem Laut sprechen
    um die Stille des Fühlens nicht zu zerstören.
    Deine Stimme erkenne ich unter den Klängen
    von tausend Wasserstrahlen.

    Die violette Blume die aufblüht
    hat zartbenetzte und schimmernde Blättchen.
    So auch deine morgendlichen Lippen.

    Du hast hinter den Brauen den Schatten des Sterns
    der nur eine Seite entschleiert
    und meine Hoffnung, mit der Gestalt deines Schattenbildes
    in den Händen, leidet in Schmerzen,
    tödlich vielleicht.

    V

    Mein Fühlen fließt und verliert sich
    in deinem bitteren Lächeln.
    Tausend Stimmen springen auf
    - Schwerter reifer Lilien -
    wenn du den Wünschen drinnen
    nein sagst. Dann kommt der Regen
    und die Spitzen der Lilien werden sanft.
    Zwischen die schwarzen Haare und die Brauen
    hefte ich den Blick
    um den Faden des einzigen Gedichts
    meines glutheißen Alters zu finden.

    VI

    Abgesplittert bin ich, Lule
    und ziehe von Ort zu Ort
    in Stürmen kalter Nordwinde, gehetzt.
    Wenn ich Halt mache, blicke ich in mich
    und sehe dein Gesicht und vor dir
    Wege von Oleandern gesäumt.
    Drei Schritte dahinter
    erstreckt sich verbrannte Erde
    mit Steinen und Felsen ins Endlose.

    Komm wieder am Morgen
    in der Zeit des Liedes das gesättigt ist
    im Anbruch des Tages.
    Wenn du kommst, keimen über verbrannten Ähren
    aus Wurzeln neue Triebe.

    VII

    In der Zeit des Liedes
    das der Steinkauz singt
    fiel das Licht aus dem Auge eines Sterns
    wie ein Meteor auf mich
    und beschien dein Gesicht:
    es war die Verdammnis des Nachtgeborenen!

    Bin Reiter auf schmalen Steigen,
    berühre nie wieder
    das Morgenrot deiner Haare.

    Ich wandere mit den Schatten der späten Nacht
    und sehe deine Finger
    das weiße Blatt eines Lebens
    schließen.


    WEIT FORT

    Wie Zischen des Windes zwischen den Weiden
    die satt sind vom Wasser der Bäche
    höre ich, vor Zeiten, Verwünschungen
    wie sie dem Teufel Leib und Seele vermachen
    schauerliche Schwüre
    beim Stein, Himmel und der Erde.

    Ich bin weit fort von denen die reden wie ich
    so weit wie der Mond der von Strahl zu Strahl fällt
    und aus Steintrögen Milch trinkt
    die draußen steht.

    Der Steinkauz im Morgengrauen
    und der Stein im Wasser schluckt den Klang
    der Verdammung: im Morgengrauen
    segnet der Mensch die Sonne wie ich!


    FORM

    Gewand gewebt von einer Hand
    von Kopf bis Fuß
    Form
    eine Freude für Auge und Ohr

    Form Einfachheit
    entstanden in steiniger Mühe
    erfahren auf Pfaden die
    kein Fuß kein Huf betrat.

    Federleicht scheinend
    gewichtig wie Eisen
    Klang oder Farbe
    lichtklar.


    VERLORENER FADEN

    Vergangene Nacht verlöschten die Lichter und finster
    lag die Stadt bis der Tag graute.

    Die Frauen suchten Öl und Dochte
    und fanden sie nicht im Finstern.

    Am Morgen versank die Sonne und blaß
    wurden die Flächen der Wolkenkratzer.

    Am Morgen besah ich den Kreis der Träume
    am Boden
    und fand den verlorenen Faden
    dort wo das Licht abriß.


    IN DER SCHATTENTIEFE DER DINGE

    In der Schattentiefe der Dinge wo ich heut nachmittag ruhte
    gedankenverloren Grashalme zupfte
    singen Zikaden der Nacht.

    Am Herdfeuer höre ich
    Hülsen
    des Ginsters
    zerspringen in meiner Brust.


    VENUS, STERN DER SOMMERNACHT

    Geboren an einem Streifen Fels
    mit drei Ölbäumen:
    stiegst von dort herab und kamst
    unter die Menschen
    an der Lippe der unendlichen Wasser.

    Die Sommernacht in solcher Schönheit
    wie du
    streichelt den Schatten der Stirn
    zugewandt dem Meer ohne Licht.


    SEHNEN LEBENSLANG

    Ein Verlangen: die Liebe geschlossener Augen
    zwei durchsichtige Äpfel
    Kerne aus Feuer darin.

    Das festverwurzelte Herz
    langt nach ewigem Sehnen
    und Regentropfen fallen
    auf nimmersatten Karst.


    DIE SCHWALBE

    Schwarze Flügel
    inmitten von Schneeflocken
    in den Alpen
    die Schwalbe
    auf verspätetem Zug
    gen Süden.
    Mit Flügeln wie Laub
    des Spätherbstes kämpft sie
    gegen wirbelnde Winde an
    dem höchsten Paß entgegen.

    Jeder hat zwei Wege vor sich
    und einen nur die Schwalbe:
    weiß werden.

    -- Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

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