Schriftsteller
VON SHKODRA

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    Arshi Pipa Arshi Pipa, 1920-1997; Philosophiestudium in Florenz, Promotion über "Moral und Philosophie bei Bergson"; unterrichtete am Staatslyzeum Tirana 1941-1946; 1957 Flucht nach Jugoslawien, seit 1958 in den USA; Universitätsprofessor für Philosophie sowie italienische und französische Literatur in Berkeley und Minneapolis; zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten (Philosophie, albanische, italienische, französische Literatur), Rezensionen, Essays und politische Aufsätze in den Sprachen, die er sprach: Albanisch, Italienisch, Französisch, Englisch und Deutsch; Herausgeber wichtiger albanischer Kulturzeitschriften; er war Vorsitzender des traditionsreichen albanischen Kulturvereins "Vatra" in Boston; 4 Gedichtbände: Lundërtarë (Seefahrer; 1944), Libri i burgut (Das Gefängnisbuch; 1959), Rusha (1966), Meridiana (1969). Zusammen mit Martin Camaj Bewahrer der albanischen Kulturtradition, rastloser Kämpfer für eine unabhängige albanische Literatur, Hoffnungsträger albanischer Intellektueller und Künstler in der Diaspora. Von einer auch nur irgendwie gearteten Anerkennung oder Würdigung seines Werkes ist nichts bekannt.
    Im kommunistischen Albanien war Arshi Pipa Dissident der ersten Stunde, von 1946 - 1956 war er zehn Jahre lang politischer Gefangener; er saß auch in den berüchtigsten albanischen Gefängnissen und Zwangsarbeitslagern ein, gehört zu denen, die nur durch äußerste Willenskraft und Gottes Hilfe das unmenschlichste aller Greuel der roten Spinne (wie der kosova-albanische Lyriker Ali Podrimja den Kommunismus nannte), die Zwangsstrafarbeit bei der Trockenlegung der Sümpfe in Südalbanien, überstanden. Über diese zehn traumatischen Jahre hat er mit einem poetischen Tagebuch, einem Tagebuch in Gedichtform, Zeugnis abgelegt.

    Hans-Joachim Lanksch



    ARSHI PIPA


    DER KANAL

    Es donnert bei Korça. In Strahlen strömt Regen
    auf Köpfe und Liegen von Wachstuch auf den Mauern.
    Die Menschen beginnen, sich noch mehr in Decken zu kauern:
    ein Knäuel, in dem sich faulendes Fleisch und Lumpen bewegen.

    Abend. Jemand nebenan hat Blut vor dem Munde.
    Dort drüben singt ein Kind verhohlen.
    Einer zankt: man hat ihm sein bißchen Wasser gestohlen,
    einem andern das Brot. Ein Wächter tritt in die Runde.

    Prügel und Tritte. Schreien. Die Pfeife trillert.
    Pause. Matt und erschöpft sind alle, sie suchen
    Ruhe und Schlaf - wer in dieser Nacht zu schlafen vermag.

    Wie im Lazarett ein Stöhnen und Fluchen.
    Alle erwartet der Kanal, wo Sumpfwasser schillert,
    und manche ein einsames Grab am nächsten Tag.


    DIE ERSTE NACHT

    Eine Küche, schon längst nicht mehr benutzt.
    Über dem Spülstein mit Kacheln: Spiralen
    von Ruß, die sich aus der Petrolleumlampe winden.
    Verschlossen die Tür, die Fenster verschlossen, verschmutzt.

    Haufen von Schatten unten an der Wand.
    Ein Steintopf hinter der Tür. Daneben die Schalen
    einer Zwiebel. Eine Maus nagt hier und da an Rinden
    von Brot. Jemand nimmt die Feldflasche zur Hand.

    Bewegung kommt in die Schatten, es lugen dabei
    aus Mänteln und Decken neugierig Augen, Gesichter ...
    Ein schwerer Schritt die Treppe hinauf ... Schweigen ...

    Riegel krachen ... nebenan im Büro ein Schrei.
    Noch einer, entsetzlich, lang ... Dreckiger und dichter
    wird das Fluchen. Die Riegel ... Schritte, Treppensteigen ...


    MORGENROT

    Morgenröten, die man nicht sieht
    die man nur hört.
    Schlaf, Alpdruck, aus Träumen
    aufschrecken ... Da verflechten sich
    das Schnarchen der Wächter, der Geruch
    von Schweiß und Benzin
    mit Schreien, mit Lärm
    und dem Gestank der Fäulnis.
    Und plötzlich von dort drüben
    ein Laut, der einlädt ...
    ein breites Rauschen!

    Ein Pfeifen, Zwitschern ...
    Die Vögel auf der Kiefer
    nehmen Abschied von der Nacht.

    -- Aus dem Albanischen übersetzt von Hans-Joachim Lanksch

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